Zur Geschichte eines Missverständnisses

KLEIDUNG - KLEIDER - TRACHT

von Dr. Hans Deibel

Dieser Essay wurde einem unter der gleichen Überschrift erschienenen Kapitel der Dissertation des Verfassers entnommen.

Bei dem hiesigen, merkwürdigerweise immer noch als Schlitzer Tracht definierten Habit der Einfachen Landleute handelte es sich ursprünglich um normale, allen Bedürfnissen angepaßte, Bekleidung. Im Schlitzer Land sprach man in diesem Zusammenhange bis in die jüngste Zeit fast ausschliesslich von Kleidern. Diese regional-typische Bezeichnung war und ist allumfassend :

Sie gilt sowohl für traditionelle Kleider & Trachten als auch für Kleidung à la mode. Sie ist in der Regel allen Personen geläufig, in deren Umgangssprache die heimische Mundart dominiert. Man differenziert z.B., je nach Verwendung, Sonntags-, Werktags- oder Stall-Kleider. Selbst Kinder und jüngere Erwachsene, die eigentlich nur noch hochdeutsch kommunizieren, orientieren sich an ihrem dialekt-gewohnten Umfeld, wie z.B. bei Schul-Kleidern.

Der beispielsweise früher aus Ehe-Verträgen bekannte offizielle Passus Kleidung nach Landes-Brauch betraf ausschliesslich Quantität, Qualität und Marktwert der in der Zugabe (Mitgift) enthaltenen Textilien : Zuschnitte und Formen richteten sich jeweils nach den Bedürfnissen der Einfachen Leute, sowie den von ihren Dorfschaften gesteuerten und Allgemeinen Moden beeinflussten Trends. Ausserdem hatte deren Vorrat bis ans Lebensende zu reichen. Möglicherweise nicht Verbrauchtes wurde vererbt, an Verwandte, Tagelöhner oder Gesinde weitergegeben.

Von Anfang der 1960er Jahre an begannen die Schlitzerländer Trachten- und Heimatfeste, deren Kernstück seit ihren Anfängen die Darbietung heimischen Brauchtums und die Zurschau-Stellung überlieferter Kleider & Trachten ist, zugleich mit den sich ausbreitenden Nostalgie-Wellen mehr und mehr Zuschauer anzulocken. Um das Schlitzer Stadtbild während des Festgeschehens zusätzlich dekorativ anzureichern, baten die Veranstalter die Bürger, möglichst in Tracht zu erscheinen. Sie versprachen dafür allen, die der Bitte folge leisteten, freien Eintritt. Den sich daraufhin sprunghaft erhöhenden Bedarf an Trachten & Kostümen deckten die Interessenten, indem sie diese entweder im Lande ausliehen oder kopierten. Im gleichen Zeitraum begannen viele Frauen, ihre traditionelle Kleidung als Schlitzerländer Kleider zu bezeichnen. Die in Schlitz als Kostüm benötigten Stücke stammten in der Regel aus ererbten oder nicht mehr altersgemäßen Teilen der noch nach Landes-Brauch und -Gewohnheit angelegten Bestände, deren Gebrauchswert sich überlebt hatte oder aus abgelegten Kleidern der Frauen, die sich der Allgemeinen Mode angepaßt hatten. Es war jedoch nicht zu übersehen, dass man in den Dörfern, traditionell bedingter Animositäten wegen, anfangs wenig Begeisterung für volkstümelnde Ambitionen der Schlitzer zeigte. Erst wenn nicht nur verstandesmäßig die Umwidmung durchaus noch neuwertigen Kleider in "alte Klamotten, die zu sonst nichts mehr taugen", erfolgt war, fand die Metamorphose Kleider > Tracht > Kostüm statt. Wenn schließlich auch die dörfliche Öffentlichkeit nichts mehr einzuwenden hatte, ließ man sich eventuell überreden, die nunmehrigen Trachten "für die Baiassekräm [mdartl. Bajazzo-Allüren] und Possen der Schlitzer Stadtfräcke" herzugeben. Die im Zuge dieser Entwicklung stattfindende Differenzierung in Schlitzerländer Kleider und Schlitzerländer Tracht resultierte letztlich aus der kritischen Haltung der noch Kleider tragenden oder noch ihren Kleider-Besitz bewahrenden Frauen gegenüber den Trachten- & Kostüm-Benutzerinnen, weil

"die nicht wußten, wie man sich richtig anzieht",

d.h. Passformen stimmten nicht oder Einzelteile wurden nach Belieben zusammengestoppelt;

"alle Mädchen mit gleichen Halstüchern und Bortenfirwes, und alle Jungen mit gleichen Hosenträgern und Weißen Firwes herumliefen",

d.h. die Kritik bezog sich auf die Uniformierung. Die Lieferanten der Neo-Trachten beherrschten zwar die erforderlichen Textil-Techniken, aber bei den Kopien vervielfältigten sie lediglich Muster, die sie für besonders attraktiv hielten. Für die unzähligen Varianten, die einstmals Mädchen und Frauen erdachten, während sie für ihre Aussteuern arbeiteten, fehlte es einfach an der einstmals in den dörflichen Kollektiven gewachsenen Kreativität;

"weil manchmal überhaupt nichts stimmte",

Bei Ergänzungen oder Neuanschaffungen hielt man sich nicht einmal mehr an regional-historische Vorbilder. Man orientierte sich beim Kopieren oder Restaurieren teilweise an Allgemeinen Folklore-Moden. Es genügte den Verantwortlichen schon, wenn ein Kleidungsstück altmodisch war, um es kurzerhand als Tracht zu definieren, obwohl es zu keiner Zeit Bestandteil der regional-typischen Kleider & Trachten gewesen war.

Proteste konservativ denkender Frauen, wie z.B.: "Man muss sich seiner eigenen Kleider schämen, wenn man sieht, wie die da 'rumspringen und wie sie mit den Sachen umgehen", waren nicht selten, aber, inzwischen ist auch diese Kritik verstummt, denn, die Gruppe der Kleider-Trägerinnen wird immer kleiner. Es gibt noch ein paar Urgroßmütter, die, von Folklore-Funktionären gehätschelt, inzwischen stolz auf ihre Urenkel sind, die nunmehr in einheitlichen Trachten & Kostümen "so schön mitmachen".

KLEIDER WERDEN ZU TRACHTEN

Der Zeitpunkt, an dem der Begriff Tracht Eingang in die Sprache der hiesigen Land-Bevölkerung fand, ist irgend wann in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts anzusiedeln. Für die sehr zögerliche Akzeptanz und Verbreitung dieses neuartigen Wortes steht die Erfahrung, dass auf dem Lande Alles seine Zeit braucht. Es waren im wesentlichen drei Kategorien Außenstehender, die das ihres Erachtens altehrwürdige und beständige Kulturgut Ländliche Kleidung samt innewohnenden Werten für sich entdeckten und als National-Trachten oder Trachten gegen die schnellebigen Moden der Konsumgesellschaft abgrenzten:

Journalisten, Zeichner und Maler, die über das Phänomen Tracht berichteten, es darstellten und beschrieben;

Wissenschaftler, volkskundlich ambitionierte Angehörige des Schlitzer Grafenhauses, Geistliche und Lehrer, die sich der Tracht analysierend und interpretierend annahmen, um sie schließlich kulturhistorisch und standesgemäß einzuordnen;

Monarchen und Standesherren, die sich mit Allerhöchster Fürsorge um die Pflege der Volks- oder Nationaltrachten bemühten, wohl wissend, daß sie, nicht nur ihrer optischen Wirkung wegen, ein geeignetes Instrument landesväterlicher und -mütterlicher Ambitionen und Attitüden sein konnten.

Aufgrund der im folgenden beschriebenen Ereignisse im Großherzogtum Hessen-Darmstadt und in der Grafschaft Schlitz, zu deren Auf- und Umzügen die Dorfbewohner des Schlitzer Landes in sogenannter Nationaltracht aufgeboten wurden, darf man vermuten, dass sowohl über den amtlichen Schriftverkehr als auch über die Gewohnheiten bei der Verbreitung von Dorfneuigkeiten die Information : Kleider gleich Tracht einsickerte. Seinerzeit korrespondierten nämlich die Behörden des Kreisrates Alsfeld und danach des Landrates Lauterbach direkt mit den Gemeinden des Schlitzer Landes. Also gelangten auch Ankündigungen und Einladungen zu festlichen Ereignissen über die Bürgermeistereien in die Dörfer. Die besondere Wertschätzung dieser Kleider & Trachten als Kulturgut wollte sich vorerst allerdings nicht einstellen, obwohl es sicherlich an Bemühungen dazu nicht gefehlt haben dürfte.

 

EINWEIHUNG DES DENKMALS LUDEWIGS I. ZU DARMSTADT, 1844

EDUARD DULLER bewunderte seinerzeit das zu diesem Zwecke angeordnete Trachten-Spektakulum und beschrieb es so eindrucksvoll, daß HEINRICH KÜNZEL diesen Bericht in seine ‚Geschichte von Hessen' übernahm, in [...] HD :

»Eine lebendige Ausstellung sämmtlicher Nationaltrachten des Großherzogthums Hessen (Vergl. NEBEL'S Bild. (Darmstadt bei KERN)) war im Jahre 1844 in den Festtagen des Augusts in Darmstadt zu schauen, als alle Landschaften ihre stattlichsten Vertreter beiderlei Geschlechts zur Enthüllung des Ludwigsmonuments gesandt hatten, des Denkmals, welches »Ludewig dem Ersten sein dankbares Volk« (Inschrift : Ludwigssäule) errichtete. […].«

»Bei dieser lebendigen Ausstellung der sämmtlichen Nationaltrachten des Großherzogthums Hessen hatte nun gerade die Provinz Oberhessen die reichste Mannigfaltigkeit aufzuweisen; […] das Mädchen aus Pfordt (L. Bez. Schlitz) trug eine hohe kegelförmige, zu beiden Seiten mit Wulsten ausgeschmückte schwarze Haube mit der obligaten schwarzen Bandschleife unter dem Kinn, eine schwarze weitärmelige Mütze [Motzen] (Jacke), d'rüber einen umgeschlagenen gestickten Kragen, ein über's Kreuz auf der Brust geschlungenes rothes Tuch und eine silberne Kette d'rüber, einen für Oberhessen verhältnismäßig sehr langen, fast bis an die Knöchel reichenden schwarzen Faltenrock mit blauer Schürze und weiße Strümpfe; der Schlitzer Bursche eine hohe rauhe Mütze mit zur Seite lang herabwallenden grünen Bändern, schwarzes Halstuch, grüne Weste mit weißmetallenen Knöpfen, langen blauen Oberrock mit kurzem Stehkragen, einer Knopfreihe und zwei Seitentaschen vorne, weiße Kniehosen und weite Querfaltenstiefel bis dicht an's Knie. […].« (KÜNZEL, ‚Geschichte von Hessen').

Die Gemeinde Pfordt entsandte eine Deputation von mindestens vier Personen. Das Schreiben des Großherzoglichen Hessischen Kreisrates in Alsfeld vom 19. August 1844 an den Bürgermeister;

»Betreffend den Landwirtschaftlichen Festzug bei Enthüllung des Ludwigsmonumentes zu Darmstadt«

gibt ein wenig Aufschluß:

»Ich fände nichts dabei […], wenn Johs. Schul als Obmann in seiner Nationaltracht dem Fest beiwohnen will. Wegen Unterbringung seiner Töchter, wie seiner selbst, beziehe ich mich auf die Mittheilung der Landwirtschaftlichen […] Behörde. Dagegen kann ich Sie aber nicht von dem Mitgehen nach Darmstadt befreien, da Sie mit als Vertreter des Kreises ausersehen sind. Die aufgewendeten Reisekosten werden jedenfalls vergütet werden. [gez. Unterschrift].« (Stadtarchiv Schlitz/Pfordt)

Fest-Teilnehmer konnten seinerzeit den kolorierten Stahlstich von F.J.A. NEBEL mit der Überschrift

»Der Bauernstand des Großherzogthums Hessen bei der Enthüllung des LUDEWIGS MONUMENTES zu Darmstadt am 23ten August 1844«

als Souvenir erwerben (s.Abb.1). Die abgebildeten Personen aus Schlitz, Pfordt könnten demnach JOHANNES SCHUL und Tochter gewesen sein.

Das 'Lauterbacher Wochenblatt', gleichzeitig offizielles Organ des Großherzoglich Hessischen Kreisamtes Lauterbach, veröffentlichte am 7. November 1844 danksagende Erlasse des Kreisrates und des Großherzoglich Hessischen Provinzial Commissars, in [...] HD,

»zur Kenntnis der Angehörigen des Bezirks, welche durch eine recht erfreuliche, zahlreiche Theilnahme ihr Interesse an den für jeden treuen Hessen gleich wichtige Feierlichkeiten bethätigt haben, […], daß jeder bemüht war, das Andenken an unseren erhabenen Höchstseeligen Großherzog […] ebenso zu ehren, als die Verehrung und Liebe zu beweisen, welche jeden Hessen für unseren Allergnädigsten jetzigen Großherzog [LUDEWIG II.] und alle Glieder seines erhabenen Fürstenhauses beseelt. […].«

Zeitgenössische Berichterstatter wurden nicht müde, die Begeisterung Der Hessen für Großherzog LUDEWIG I. und sein Werk in den höchsten Tönen zu loben:

»Das Andenken an die großen Verdienste seines ersten Großherzogs erlosch nicht im Herzen seiner Hessen, das Bild seiner Gesammtthätigkeit trat immer glänzender hervor und überall regte es sich, dem, welcher die kleine Landgrafschaft zu einem Großherzogthum erhoben, den Namen Hessen in ehrenvoller Selbständigkeit erhalten, dem Lande eine vortreffliche Organisation und eine Verfassung gegeben hatte, ein äußeres Denkmal zu errichten, wie es bereits in jedem Hessen errichtet war.« (KÜNZEL)

Aber nicht überall im neuen Großherzogtum Hessen-Darmstadt dürfte man gleich empfunden haben. Als unter dem 3. Mai 1837 nachgeordnete Großherzogliche Behörden samt den dankbar zu sein habenden Hessen von Höchster Stelle aufgefordert wurden, für das besagte Denkmal zu spenden, hat man sich im Schlitzer Land, vermutlich nicht nur in Hemmen, taub gestellt, wie aus einem Schreiben an den »Großherzoglichen Beigeordneten EIFERT« ersichtlich:

»Die beifolgende Suskriptionsliste nebst Aufforderung zu Beiträgen ist mir zugeschickt worden, um solche in den Gemeinden offen zu legen, damit ein Jeder Gelegenheit erhält, seine Liebe und Verehrung unseres erhabenen Fürstenhauses zu bethätigen. Indem ich Ihnen diese Mittheilung mache, will ich zugleich wünschen, daß besonders die wohlhabenden Einwohner zu Hemmen Beiträge zu dem in der Aufforderung und Subskriptionsliste erwähnten Monumente einschreiben mögen, damit nicht der Schein entstehe, es besäßen die Einwohner des Bezirks Schlitz keineLiebe und Verehrung für unser Fürstenhaus. Dieser Schein kann schon durch Einschreiben geringer Beiträge vermieden werden. Die Erhebung der eingeschriebenen Beträge geschieht im Conventionsfuße, aber nicht sogleich. Dem Herrn Schullehrer wollen Sie die Subskriptionsliste ebenfalls vorlegen und solche nach Ablauf von drei Wochen […] zurücksenden.

Schlitz, am 27. Juni 1837. [gez. Unterschrift].«

»Vorstehendes der Gemeinde bekanntgemacht

niemand ist kommen etwas zu geben

Hemmen den 10ten September 1837

Eifert Beigeordneter.« (Schlitzer Stadtarchiv/Hemmen)

In Pfordt scheint man bei der Reisekosten-Abrechnung für die Deputation ebenfalls nicht so ganz vaterländisch gedacht zu haben. Das eingereichte Erstattungs-Gesuch erschien dem Landrat in Alsfeld

»mit 77 fl. etwas zu hoch angeschlagen", […] schließlich bemerke ich Ihnen, daß der Bürgermeister zu Nieder-Ofleiden für seine Hin- und Rückreise nur 7 fl. verlangt hat.«.

Die Erstattung betrug schließlich 66 fl. 21 Xr. (Schlitzer Stadtarchiv/Pfordt)

 

KAISERBESUCHE IN DER STANDESHERRSCHAFT SCHLITZ, 1891 & 1895

Für die Königlichen Hohheiten von Hessen-Darmstadt wurde es mindestens seit 1844 selbstverständlich, den Bauernstand mit der Repräsentation seiner vielfältigen National- und Volkstrachten in Jubel-und Huldigungsfeiern einzubeziehen. Was Großherzögen in Darmstadt recht war, konnte Schlitzer Standesherren nur billig sein. Die hiesige Landbevölkerung wurde zwischen 1891 und 1907, während der Besuche Kaiser Wilhelms II. im Schlitzer Grafenhaus mindestens zweimal, 1891 und 1895, zu ähnlichen Festiväten aufgeboten. Sie durfte Majestäten und Erlauchten mit Festzügen der Bauern des Schlitzer Landes in Nationaltracht huldigen. Es liegt auch dazu ein zeitgenössischer Presse-Bericht vor, der unter anderem auch eine Beschreibung der beobachteten Kleider & Trachten enthält (SCHULTE, ‚Das Schlitzerland und der Deutsche Kaiser'), in [...] HD :

»Die Kleidung der Männer und Burschen, in welche zwei Species die Volksmeinung hierzulande die Verheirateten und die Ledigen begreift, ist eine nicht viel voneinander verschiedene. Die Burschen tragen schwarze Tuchhosen, schwarze Tuchweste und blau gestrickte Jacken und auf dem Kopfe die unvermeidliche schwarze Kappe. Die Männer tragen nur anstatt der blau gestrickten Jacken lange Tuchröcke von schwarzer Farbe, kleiden sich also so, wie alle anderen Bauern auch [à la mode]. So ist es heute. Ehemals, d.i. vor ca. 50 Jahren, war die Tracht derselben eine andere. Hohe, bis an dieKnie reichende Stiefel, weiße hirschlederne Hosen, blaue Westen und blaue, bis fast an die Knöcheln reichende Tuchröcke, die vorn und hinten mit blanken Metallknöpfen verziert waren und offen getragen wurden, dazu auf dem Kopfe eine Sommer und Winter getragene hohe Pelzkappe - das Alles gab ihnen ein ganz charakteristisches Aussehen. In dem Festzug waren noch 5 oder 6 in solch' alte Trachten gekleidete Bauern und erregten überall grosses Aufsehen. - Viel hübscher aber ist die Tracht derMädchen und der Frauen. Sie haben die alte Kleidung bis auf den heutigen Tag beibehalten. Die ersteren tragen schwarze pantoffelartige Schuhe, blaue gestrickte Strümpfe mit gewebten [?] Einsätzen [gestickte Zwickel], sicher mehr als 10 (!) über einander liegende, gerade bis an die Knie reichende Röcke mit seidenen Borten (der oben liegende farbige ein gefältelter, d.h. ein Rock, der unzählige von oben nach unten laufende, neben einander liegende Falten gelegt ist) ein kurzes Mieder, das die Arme freilässt, darüber kreuzweise über die Brust geschlungene wollene Tücher, eine Schürze, die länger ist als der Rock und bis an die Ellenbogen reichende Hemdärmel. Der Kopf bleibt ohne Kopfbedeckung.

Die Kleidung der Frauen ist im Ganzen dieselbe wie die der Mädchen. Nur tragen sie sich mehr in den schwarzen und dunkeln Farben und haben auf dem Kopfe ein kleines schwarzes Käppchen, von dem nach beiden Seiten hin breite schwarzseiden Bänder herunterhängen.«

1891, wie auch 1895, hatten die Mädchen, vermutlich des besonderen Anlasses wegen, die zweifellos prächtigeren, aber zu dieser Zeit bereits altmodischen Stolzen Kleider der Faltenrock-Mode angelegt. Die beiden Kaiserbesuche, und nachfolgend die Feierlichkeiten zur Denkmalsenthüllung in Darmstadt, 1898, die Landwirtschaftliche Ausstellung in Gießen und die Volkstrachtenfeste in Butzbach 1906 & 1907 bewirkten eine zusätzliche Funktion der hiesigen Kleider. Sie dienten nicht mehr ausschließlich der Bekleidung, sondern man benutzte sie unter dem Namen Tracht als repräsentatives Kostüm. Zeitgenössische Photographien beweisen, dass die Anpassung an die neue Kleider- & Trachten-Mode mit Sperr-Rock und Jacken in vollem Gange war. Aus diesem Grunde liegt der Schluss nahe, dass sich die Umbenennung der Kleider in Tracht zunächst nur auf abgelegte oder abzulegende Formen bezog. Weitere Indizien dazu finden sich im obigen Berichte, in dem es heißt, dass die Falten-Röcke bis an die Knie reichten und eine Schürze länger war als der Rock. Da laut Überlieferung Faltenröcke wadenlang, sowie Röcke und Schürzen zu allen Zeiten gleich lang sein mussten, hatte man hier Trachten & Kostüme offensichtlich zusammengestoppelt.

Da zu diesem Zeitpunkt die den Faltenrock-Moden entsprechenden Männer-Kleider bereits verschwunden waren, man trug für Gut ausschließlich Mode, kostümierte man sich aus abgelegten Beständen. Ein Gewährsmann zeigte mir die Photographie seines Großvaters in so einer Alten Tracht. Als ich Zweifel anmeldet, gab er zu, dass der alte Herr "das Zeug nur wegen dem Bild" noch einmal angezogen hätte. Bei den erwähnten blauen Strickjacken handelte es sich um sogenannte Ärmeldinger oder Kamisole. Vermutlich hatte der Berichterstatter die seinerzeit ebenfalls vorgeführten Blauen Kittel, wie von zeitgenössischen Photographen aufgenommen, übersehen.

Ein von SIPPEL veröffentlichtes Bild von einem

»Schlitzerländer Hochzeitszug aus Anlaß eines Kaiserbesuches 1891 vor dem Schloß Hallenburg ein Hoch auf seine Majestät ausbringend« (SB, 19.09.1992)

ist ein weiteres Indiz für die Umfunktionierung der Kleider. Die Mädchen hatten für den dargestellten Hochzeitszug korrekte Kleider & Trachten angelegt, während ihre Burschen nicht, wie zu dieser Zeit bereits üblich, Kirchgangs-Anzüge à la mode trugen. Stattdessen bevorzugten sie, vermutlich aus optischen Gründen, das damals nur noch teilweise übliche Habit für den Gang ins Dorf: Lange dunkle Tuchhosen, Blaue Kittel und Dunkle Schirmmützen.

 

ENTHÜLLUNG DES DENKMALS LUDWIGS IV. ZU DARMSTADT, 1898

Die Feierlichkeiten in den Novembertagen 1898 glichen denen von 1844. Allerdings schafften es die Journalisten im Gegensatz zu DULLER und WALTHER nicht mehr, alle Trachtengruppen korrekt einzuordnen. Man hielt sich an Pauschalierungen, in [...] HD:

»Die interessanteste Gruppe war unstreitig die der feschen Oberhessinnen. Ungefähr 200 stramme Mädchen und Frauen aus dem Kreise Lauterbach [u.a. mindestens 150 aus dem Schlitzer Land] hatten sich eingefunden, um das Fest verherrlichen zu helfen. Man hatte hierdurch einmal Gelegenheit die originelle Tracht so recht in der Nähe zu beschauen, und es wird gewiss Manche interessieren, eine etwas nähere Beschreibung derselben zu lesen.« (‚Darmstädter Täglicher Anzeiger', 26.11.1898)

Die ausführlichste Beschreibung wurde den Mädchen aus dem Schlitzer Land zuteil, die immerhin die stärkste Abordnung stellten. Auch sie trugen ohne Ausnahme, wie zu den Kaiserbesuchen, die Stolzen Kleider der Faltenrock-Mode, wie eine seinerzeit als Andenken hergestellte Photo-Collage zeigt (s. Abb.2). Der Reporter stellte dem Leser die Kleider, die sonst nur die Alterskameradinnen der Braut im Hochzeitszuge trugen, der das Brautpaar zur Kirche und zurück geleitete, als Tracht vor. Zugleich dokumentierte dieser Bericht deren Gebrauch als Kostüm.

»Der bis kurz über das Knie reichende Rock ist von Wolle, entweder schwarz oder auch bunt, grau, blau, lila, grün, sehr weit in dichte Falten gelegt, d.h. plissiert und stets mit einem grell abstechenden Besatz von Seide und Samt am unteren Rand. Manchmal noch ein Perlbörtchen darüber gesetzt, stets aber mit kleinen Säumen oberhalb des Besatzes. Über den Rock tragen sie eine bunte seidene gemusterte Schürze, ebenso lang wie der Rock und weit nach den Seiten reichend, mit buntseidenen Bändern, die in langen Schleifen vorn herunter hängen. Über der Brust wird ein dickes wollenes Tuch, bunt bestickt, meist in roter Farbe von verschiedenen Schattierungen getragen; darüber eine schwarze gestrickte Jacke mit langen Ärmeln und tiefem Ausschnitt vorn, so daß das Tuch darunter zur Geltung kommt, das mit dicker Wollrüsche besetzt ist, und die auch rings unter der Jacke hervorsieht. Die Jacke ist wie das Tuch bestickt und vorn mit langen, bunten Bändern geschlossen. Diese Jacken nennen sie "Mutze" [Motzen]. Um den Hals tragen sie eine dicke 4-fache Halskrause, der Dotterkragen [Duttekroa=Tütenkragen] genannt, um die ein seidenes Tuch gebunden ist, dessen Zipfel hinten breit auf dem Rücken herab hängen; auf dem Kopf ein kleines seidenes Käppchen mit bunten Blumen bestickt, mit einem besonderen Aufsatz hinten. Von vorn nach hinten ist ein schwarzes Band befestigt, das hinten in breiten Schleifen herabfällt, die Enden unten wieder mit Perlen besetzt. Auch unter dem Kinn wird das Häubchen, Kappe oder Kippel genannt, mit schwarzen Bändern gebunden. Blaue Strümpfe mit breiten Zwickeln, und schwarze, zum Teil bunt bestickte Schuhe mit Schnallen vervollständigen die originelle Tracht. […]. Reizend machte sich der Aufmarsch dieser Mächengruppen, die sich bei den Händen gefaßt hielten oder untergefaßt hatten und ganz stramm einher marschierten. Schon vom frühen Morgen an waren sie, überall, wo sie sich zeigten, Gegenstand der Bewunderung und stets umringt von einer dichten Zuschauermenge.« (2)(s.o.)

Lediglich drei Gewährsleute wussten, allerdings nur noch vom Hörensagen, daß die Großherzogin die Oberhessinnen zur Audienz gebeten, und die "Schönen Bunten Trachten" sachkundig bewundert hatte. Der Großherzogliche Lauterbacher Kreisrat, der die Delegation persönlich geleitet hatte, veröffentliche nach der Rückkehr folgende Botschaft:

»Ihre Königliche Hohheit die Großherzogin haben mich beauftragt, den Mädchen welche […] als Deputation des Kreises Lauterbach in Volkstracht erschienen sind, Allerhöchsten Dank und gleichzeitig die bestimmte Erwartung auszusprechen, daß auch dieser Anlaß zur Erhaltung der schönen hessischen Volkstrachten beitragen wird. […].« (‚Lauterbacher Anzeiger', 30.11.1898)

 

 

LANDWIRTSCHAFTLICHE AUSSTELLUNG ZU GIESSEN, 1895

(VEREIN FÜR ERHALTUNG OBERHESSISCHER WEIBLICHER

VOLKSTRACHTEN, 1896)

Vom 19.-22. September 1895 fand die Landwirtschaftliche Ausstellung zu Gießen statt. Das Programm bestand im wesentlichen aus einer Vieh-Leistungsschau mit Prämierung der besten Tiere (475 Rinder, 90 Pferde, 40 Schafe, 130 Ziegen, 136 Stämme Geflügel, 63 Bienenvölker), einer landwirtschaftlichen Bedarfsmesse, und den Haupt- und Generalversammlungen der drei Landwirtschaftlichen Provincialvereine, des Pferdezucht- und des Obstbauvereins im Großherzogtum Hessen und des Oberhessischen Bienenzüchtervereins. Der absolute Höhepunkt war, laut zeitgenössischer Berichterstattung, der Besuch des Großherzogs Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt nebst Gemahlin Victoria Melita von Sachsen-Coburg-Gotha, und seiner Schwäger und Schwestern, dem Großfürsten Sergius von Rußland nebst Gemahlin Elisabeth von Hessen-Darmstadt und dem Prinzen Heinrich von Preußen nebst Gemahlin Irene von Hessen-Darmstadt (‚Giessener Anzeiger', 24.09.1895), die sich Sonder-Vorführungen von der Turmloge derAusstellungshalle aus ansahen, in [...] HD :

»Besonderen Beifall Ihrer Königl. Hoheiten fand die Rundfahrt des als 1. Hauptgewinn angekauften Erntewagens mit den vier Pferden. Zwölf Bauernmädchen in ihrer malerischen Oberhessischen Tracht [aus Leihgestern, Lang-Göns, Großen-Linden] hatten auf demselben Platz genommen. […].

Ihre Königl. Hoheit die Frau Großherzogin hat, wie man uns mittheilt, den Wunsch geäußert, daß sich ein Verein zur Erhaltung der hessischen Trachten, wie sie in den 12 auf dem Wagen sitzenden Bauernmädchen vorgeführt wurden, bilde; Ihre Königl. Hoheit würde das Protectorat übernehmen.« (s.o.)

Im ‚Kreisblatt des Lauterbacher Anzeiger' vom 2. Mai 1896 erschien dazu folgende amtliche Bekanntmachung, in [...] HD :

»Lauterbach, 28. April 1896.

Betr.: Den Verein für Erhaltung oberhessischer weiblicher Volkstrachten.

Das Großherzogliche Kreisamt Lauterbach an die Großherzglichen Bürgermeistereien des Kreises.

Ihre Königlichen Hohheiten der Großherzog und die Großherzogin hatten bei dem Besuche der landwirtschaftlichen Ausstellung in Gießen im vorigen Herbste den Wunsch ausgesprochen, es möchten die (bei dem fraglichen Feste vertretenen) oberhessischen Volkstrachten möglichst bewahrt und ein diesen Zweck verfolgender Verein gegründet werden. Nachdem die nöthigen Schritte hierzu geschehen sind, und die entworfenen Vereins-Satzungen die Billigung Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Großherzogin Victoria Melita, Allerhöchstwelche das Protectorat des Vereins übernommen hat, befunden haben, hat sich der Verein am 25. Februar l.Js. durch Wahl seines Vorstandes folgendermaßen constitutiert:

1. Vorsitzender: Herr Pfarrer Weber in Londorf. 2. Vorsitzender: Herr Bürgermeister Brückel in Lang-Göns. Schriftführer: Herr Pfarrer Strack in Leihgestern. Rechner: Herr Bürgermeister Leun in Groß-Linden.

Indem wir Ihnen die nachstehend abgedruckten Statuten des Vereins mittheilen, sehen wir Ihren etwaigen Anträgen entgegen, falls sie die Gründung eines Zweig- oder Kreisvereins für wünschenswert erachten sollten.

Dr. Fischer.«

»Satzungen des Vereins für Erhaltung oberhessischer weiblicher Volkstrachten.«

»§ 1.

Zweck des Vereins ist die Erhaltung und Veredelung der alten Volkstrachten in Oberhessen, sowie züchtiger heimischer Sitten und Gebräuche, und damit die Liebe zur Heimat und zum Vaterlande. Erreicht soll dieser Zweck werden vorzugsweise durch Belehrung und Aufmunterung zur Beibehaltung der Volkstracht, dann durch jährliche Verleihung von Preisen und Ausstattungs-Beihülfen an besonders brave und gesittete ordentliche Vereinsmitglieder, wie auch durch Unterstützung der Confirmandinnen, endlich durch Förderung der den Vereinszwecken dienenden einheimischen Industrien.

§ 2.

Ordentliches Mitglied kann jede Frau und jedesMädchen in der Provinz Oberhessen werden, welches das 16. Lebensjahr erreicht hat, einen unbescholtenen Lebenswandel führt und sich verpflichtet, mindestens bei feierlichen Anlässen und Festlichkeiten in Ortstracht zu erscheinen.

Ordentliche Mitglieder haben einen Beitrag von mindestens 20 Pfg. zu entrichten. Als außerordentliche Mitglieder können innerhalb und außerhalb des Vereinsbezirks wohnende Freunde und Freundinnen der Sache aufgenommen werden. Dieselben haben einen Beitrag von mindestens 1 Mark zu entrichten. Durch einen einmaligen Beitrag von mindestens 10 Mark wird dieMitgliedschaft auf Lebenszeit erworben.

§ 3. […].

§ 4.

Der Vereinsvorstand besteht aus den Ortsgeistlichen und Bürgermeistern derjenigen Gemeinden, welchen mindestens 25 ordentliche Mitglieder angehören und hat namentlich […] diePreise und Ausstattungs-Beihülfen zu bestimmen, die jährlich nach seiner Wahl bei einer festlichen Gelegenheit, eventuell bei einer Hochzeit oder einem Kirchweihfeste in einer der betheiligten Gemeinden zu vergeben sind. […].

§ 5.

Bei größerer Ausbreitung des Vereins bleibt seine Gliederung in Kreis- oder Zweig-Vereine vorbehalten. Vorstehende Satzungen wurden in einer Versammlung der Ortsgeistlichen und Bürgermeister derjenigen Gemeinden im Kreis Gießen festgestellt, in welchen die weibliche Tracht noch hauptsächlich vertreten ist. Ihre Königliche Hoheit die Großherzogin Victoria Melita haben am 15. Januar 1896 unter Gutheißung der Statuten geruht, das Protectorat über den Verein gnädigst zu übernehmen.« (‚Lauterbacher Anzeiger', 02.05.1896)

Die Reaktion aus dem Kreisgebiet war, soweit noch ersichtlich, negativ. Es kam danach zu keiner einzigen Vereinsgründung. Nur zwei Geistliche nahmen Stellung. Unter dem 29. April 1896 antwortete Dekan STOCK, Evangelisches Pfarramt Stockhausen für das Dekanat Lauterbach:

»Für die sehr gefällige Zuschrift vom 25. d.Ms. und die derselben beigefügten Satzungen des Vereins für Erhaltung oberhessicher weiblicher Volkstrachten erlaube ich mir zunächst meinen verbindlichen Dank ganz ergebenst auszudrücken. Die Gründung eines Zweigvereins im Kreis Lauterbach halte ich für aussichtslos, auch für unnötig. Das Wenige, was in Angersbach und Ilbeshausen noch zu erhalten wäre, wird in naher Zeit unabwendbar verschwunden sein und zwar gänzlich. Selbst Herbstein und das Schlitzerland, dessen Mittelpunkt auf diesem Felde, Pfordt, nicht ausgenommen, dürfte in der "Zeit, welche unter dem Zeichen des Verkehrs steht", in absehbarem Zeitraum das dahinschwinden sehen, was man noch "Volkstracht" nennen kann. Die Männer haben dieselben mit wenigen Ausnahmen bereits abgelegt, und die Frauen werden nach einem Naturgesetz folgen, wenn sie auch konservativer sein mögen und ihre Kleidung an sich dauernder ist, als die der Männer, welche, wenn sie einmal Soldat, oder sonstwie "in der Welt gewesen" sind, die alte Tracht niemals wieder anlegen.« (Staatsarchiv DA/LAT).

Pfarrer SCHUSTER, Ev. Pfarramt Frischborn, schrieb unter dem 28. Mai 1896:

»Die Gründung eines Vereins für die Erhaltung oberhessischer weiblicher Volkstrachten ist in der diesseitigen Gemeinde, wie wir uns bei Anfragen überzeugen mußten, leider nicht möglich. Die Frauen und Mädchen haben noch ihre herkömmliche einfache Volkstracht, bestehend besonders in Rock aus Beiderwand und gestricktem Jäckchen, gebrauchen diese aber nur werktags und an den Sonntagnachmittagen, sofern sie an letzteren den Ort oder die Ortsgemarkung nicht verlassen. Sonntags Vormittags in der Kirche und bei festlichen Gelegenheiten dagegen tragen zumal alle jüngeren nur moderne Kleider, und diese bei Seite zu lassen, ist zu unserem Bedauern auch keine zu bewegen.« (s.o.)

 

HEIMATPFLEGE- UND VOLKSTRACHTENFEST BUTZBACH, 1906

Unter dem 30. April 1906 erging im Kreise Lauterbach, unter anderen auch an die Bürgermeister des Schlitzer Landes, folgendes Rundschreiben, in [...] HD :

»Am 17. Juni l.Js. soll in Butzbach ein Heimatpflege- und Trachtenfest stattfinden, das einen Festzug mit historischen und Trachtengruppen [Sonntag, 17. 06.], ein Festspiel [mehrere Vorstellungen ab 10. 06.], Darstellung von Volksgebräuchen und Darstellungen aus der Volksgeschichte [Festhalle, 17./18. 06], sowie eine Ausstellung [für ländliche Kunstbestrebungen, Turnhalle, ab 10. 06.] umfassen wird. Bei dieser Veranstaltung sollen die im Großherzogtum vorhandenen Trachten möglichst vollständig vertreten sein, und hat der Unterzeichnete übernommen, auf eine Beteiligung der hierbei in Betracht kommenden Gemeinden des Kreises Lauterbach hinzuwirken.

Ich ersuche Sie deshalb, die in ihrer Gemeinde vorhandenen jungen Mädchen im Alter von 19 u. 20 Jahren zu diesem vaterländischen Unternehmen einzuladen u. diejenigen, die zusagende Antwort geben, aufzufordern, sich Sonntag, den 13. Mai l.Js., Nachm. 3 Uhr zu einer Besprechung in die Wirtschaft Zum Felsenkeller in Schlitz einzufinden. Kosten werden für die Teilnehmer der Reise nach Butzbach nicht entstehen.

[gez.] Bechtold,Kreisrat.« (s.o.; Daten : ‚Butzbacher Zeitung', 12.06.1906)

Welche Gemeinden der Aufforderung nachkamen, ist bis auf zwei nicht mehr nachzuvollziehen. In einem Bericht der Butzbacher Zeitung vom 20. Juni 1906 erwähnte »Mädchen und Männer aus der Schlitzer Gegend« waren ein vollständiger Hochzeitszug aus Bernshausen (s. Abb.3), und eine Mädchengruppe aus Pfordt, wie in folgender Bittschrift nachzulesen:

»Darmstadt, den 21. Mai 1906.

Hochverehrter Herr Kreisrath!

Habe in Erfahrung gebracht, daß im Monat Juni, wo ich gerade auf vier Wochen in Abwesenheit meiner Dame, zu Hause in Pfordt in Ferien bin, ein Trachtenfest in Butzbach stattfindet. Nun hörte ich noch weiter, daß bereits schon meine Freundinnen aus meinem Geburtsorte gewählt worden seien, ich richte deshalb meine allerfreundlichste Bitte an Sie Herr Kreisrath, mich doch auch noch hinzu treten zu lassen. Ich schicke Ihnen deshalb Herr Kreisrath mein Bild dabei, wobei Sie ja sehen, daß ich immer meiner Tracht treu bleibe.

Indem ich hoffe Herr Kreisrath, daß meine Bitte nicht fehl geht, zeichnet Hoachtend

Kunigunde Wahl.

Tochter des Maschinenführers Georg Heinrich Wahl

in Pfordt bei Schlitz.« (Staatsarchiv DA/LAT)

KUNIGUNDE W., geboren, 19. Juni 1884, war Dienstmädchen in Darmstadt. Sie starb am 3. April 1907. Ihre Angehörigen ließen nach ihrem Tode ein Gemälde nach dem besagten Bild (Photo) anfertigen (s. Abb.4).

Das Butzbacher Fest von 1906, und der Versuch einer Wiederholung, 1907, bildeten mit den Bemühungen seiner Veranstalter um die Erhaltung von Trachten und Brauchtum den Rahmen für die Gründung einer weiteren Hessischen Landesgruppe für ländliche Heimatpflege. Der Beifall der Fachwelt für die Trachten- und Brauchtums-Repräsentation war durchaus nicht ungeteilt. Der Verfasser verzichtet bewusst auf einen Kommentar zu der seinerzeit überwiegend von Pfarrern geführten Diskussion über Sinn und Unsinn der Trachten- und Heimatfeste oder Trachten-Erhaltungsvereine (u.a. Ablehnung bei Bauern, die nicht für andere den Beijaß machen wollten). Als promovierter Volkskundler, bzw. Europäischer Ethnologe und die Überlieferungen respektierender Praktiker der Folklore weiß er nur zu gut, dass es ihm nicht gegeben ist, die Mauern zwischen Wissenschaftlern und Verbands-Funktionären einzureißen.

 

BAUERNFEST ZU PFORDT, 1922

Dieses in dem Bericht eines unbekannten Journalisten im 'Schlitzer Boten' enthusiastisch gewürdigte Fest, zu dem sich in Pfordt um die 9.000 Zuschauer einfanden, interessiert nicht nur im Hinblick auf die weitere Etablierung der Begriffe Volkstracht oder Tracht neben oder anstelle von Kleidern, sondern auch als Wegbereiter späterer Trachten- und Brauchtums-Ideologien:

»ZUM BAUERNFEST!«

»Aus allen Gauen Oberhessens treffen am kommenden Sonntag die Mitglieder des Hessischen Bauernbundes in unserem Nachbarort Pfordt ein, um gemeinschaftlich einen frohen Tag zu verleben, andererseits aber auch den Worten bekannter Führer des hessischen Bauerntums zu lauschen.

Saure Wochen, frohe Feste, wer gönnt sie nicht auch dem Landmann, der tagaus, tagein ein gerütteltes Maß voll Arbeit zu bewältigen hat und auf dessen emsiges Schaffen unser Volk mehr denn je angewiesen ist. Unserem schaffensfrohen Bauernstand haben wir es in allererster Linie zu verdanken, daß wir trotz der Kriegsjahre und der schweren Zeit danach immer noch zu Leben haben und unser deutsches Vaterland von Hungersnöten, wie in Rußland, bis jetzt verschont blieb [Beginn d. Inflationszeit !]. So rufen wir Euch oberhessische Bauern auch an dieser Stelle ein - herzliches Willkommen - zu und wünschen Eurer Veranstaltung einen würdigen und fröhlichen Verlauf.« (SB, 08.07.1922)

 

Der Festzug

Bei seiner Gestaltung, man bejubelte ihn allerseits wegen der Präsentation hiesiger Volks-Kultur als Krönung des Bauern- und Landjugend-Bundestreffens, orientierte man sich, zumindest in den historisierenden Kernstücken, an den Festivitäten anläßlich der erwähnten Kaiser-Besuche, an die man sich seinerzeit noch erinnert haben dürfte. (SB, 15.07.1922), in [...] HD :

 

»Bauerntag!«

»Von allen Seiten sind die Tausende herbeigeströmt, denn es gilt heute nicht bloß zu feiern, es gilt, ein kleines Volk mit seiner Eigenart und seinen Besonderheiten, mit seinem zähen Festhalten am Althergebrachten und von den Vätern Ererbten in Sitte, Tracht und Mundart zu bewundern. […]

Autos sind in großer Menge von weither gekommen, die Unmenge Radler nicht zu vergessen und die vielen in Grün prangenden Leiterwagen der Jugendgruppen und Ortsgruppen des Hessischen Bauernbundes. […].

Schneidige Vorreiter, gestellt von der Ortsgruppe Pfordt, künden das Nahen des Festzuges.

In sinniger überzeugender Art bringt Hutzdorf mit seinem Wagen den alten Wahlspruch zum Ausdruck:

"Das schönste Wappen in der Welt, ist der Pflug in freiem Feld".

In langer Reihe folgen die Schulkinder des Schlitzerlandes mit ihrer frischen Gesichtsfarbe und ihren bunten Röckelchen.

Dann kommen die erste Musikkapelle und die Ehrenjungfrauen in der Kleidung des Landes.

Hinter den Ehrengästen, dem Vorstande des Hessischen Bauernbundes und des Landjugendbundes, sowie der zahlreichen Vertreter der Hessischen freien Bauernschule bringen vier Gruppen die Jahreszeiten zur Darstellung. Vom ersten Wagen (Hartershausen) grüßt die Frühlingsgöttin [incl. Gefolge und Oster-Symbole]. Hinterdrein schreiten die Konfirmandinnen in ihrer besonders eigenartigen kleidsamen Tracht; […], und dann kommt schäkernd die lange Reihe kecker Burschen mit Pfingstmaien zwischen den lieblichen Schönen mit ihren Riesenguirlanden. Der Sämann von einst und die Sämaschine vervollständigen das Frühlingsbild und leiten zum Sommer über (Uellershausen). Schnitter mit Rechen geben den Auftakt. Das gewaltige Heufuder wird bedächtig und verständnisinnig (bei den Heupreisen!) von 4 Kühen gezogen. Eine stattliche Schar kräftiger Erntearbeiter mit Heugabeln hinterher. Der Herbst (Uetzhausen) bringt Obst und Kartoffeln. Ein Bild ruhiger Geschäftigkeit bietet die Apfelweinkelterei. Handbetrieb natürlich. Hintenauf lagern Säcke voll Kartoffeln. Die vielen Mädchen, die mit Karst und Frühstückskorb nachziehen, haben sie ausgemacht. - Hinterher kommt Sankt Nikolaus hoch zu Roß. Der ihm nachknarrende Winterwagen (Hemmen) zeigt, wie man an den langen Abenden durch allerhand nützliche Beschäftigung und Kurzweil die Stunden hinbringt und den neuen Lenz erwartet.

[…] folgen die Gruppen, welche Leben und Arbeit des Bauern schildern. Zuerst die Milchwirtschaft mit allem Drum und Dran! Wie echt und natürlich die jungen Mädchen von Willofs Butter und Käse bereiten, kommt mir in dem Augenblick zu Bewußtsein, als mir eine Portion "Schnupp" gegen dieNase fliegt.

Werdegang der Flachsbereitung bringt Niederstoll in lückenloser, anschaulicher Darstellung. Wir sahen etwas, was leider in deutschen Landen (gerade auch in den besten Bauerngegegenden) stark im Rückgang begriffen ist oder überhaupt nicht mehr verstanden wird. Der selbstgebaute Flachs wird vor unseren Augen gerafft, geröstet, getrocknet, gebrochen, abgeschwungen, gehechelt. Dann aufs Spinnrad. Alle Achtung vor solchem Bauernfleiß!

[…] Der schöne Wagen von Bernshausen symbolisiert die Ernte. Die Erntegöttin, den Blumenkranz im Haar, ist umringt von Floras Kindern mit Sicheln und anderem bäuerlichen Werkzeug. Allerliebste Heinzelmännchen halten als Schirmgeister treuer Arbeit ihre schützende Hand über dem Segen Gottes.

Die zweite Abteilung des Festzuges wird wieder durch Vorreiter (Pfordt) und eine Musikkapelle angeführt.

Der Dreschwagen der Ortsgruppe Schlitz folgt, von 4 prächtigen, starken Ochsen bespannt. Der Dreschtakt, heute nur noch selten gehört, bringt dem denkenden Zuschauer immer wieder die Bestätigung dafür, daß aus ihm Tanz, Gesang und Musik geboren.

Queck stellt 2 Spinnstuben und bringt deutlich zum Ausdruck, daß die ernste Arbeit munter fortfließt, wenn gute Reden und gesangliche Unterhaltung sie begleiten. In der einen Spinnstube wird Flachs gesponnen und Garn zum Gebund gewarft [geweift], unter dem - Gott sei Dank! - im Schlitzerland noch befolgten Leitwort "Selbst gesponnen, selbst gemacht, ist die schönste Bauerntracht". Auch Garnkäufer und -Verkäufer sind in Tätigkeit. In der anderen Spinnstube zeigt das fleißige Völkchen, wie man Strümpfe stopft, zerrissene Hosen flickt, näht und alles, was zur heimischen Tracht gehört, "Fürwes", Strümpfe, Jacke, "Motze", Halstuch, selbst strickt.

In der Dorfwirtschaft von Sandlofs herrscht lustiges Treiben. […]. Recht so, wer arbeitet soll auch mal einen Sorgenbrecher nehmen.

Dann naht ein Aufbau, bis beinahe unters Wolkendach: Der Brautwagen von Fraurombach. Der lange Leiterwagen mit 4 Pferden Vorspann faßt alle Möbel und Kostbarkeiten, die der angehenden jungen Frau ins neue Heim mitgegeben werden. […]. Zwei Frauen zur Bewachung [?] sitzen oben drauf. Dem Hochzeitszug folgt erst "er" mit "ihr" - ein schönes Paar, "sie" mit ihrem "Getürm" im Haar zum Anbeißen! - dann die Geschwister [Spinnstuben-Kameraden !] und sonstige nahe Verwandte, zum Schluß die Hochzeitgäste. […].

Ein Gegenbild zu dieser überaus bunten Jugendszene bietet Rimbach mit den mehr einfarbigen Altschlitzerländer Trachten: Die Mannsleute mit der seidenen Mütze, dem blauen Kittel, der weißenHose, den langen Strümpfen mit Bändern dran und die Weibsleute in ihren Häubchen mit seidener Schleife, dem Tütenkragen, der Tuchjacke, dem Faltenrock, den blauen Strümpfen und Tuchschuhen, alle mehr dunkel gehalten, im Gegensatz zu heute, alles mehr gewirkt und bestickt als gestrickt [ungenau recherchiert !].

Als Abschluß noch was Anregendes fürs "Gemüt", die Kirmeß, dargestellt vom Nordwinkel des Landes (Ober- und Unterwegfurth, Unterschwarz). Bei den melodischen Klängen der Quietschkommode ist allerhand Leben in der Bude. Und warum nicht? Steht doch inmitten des bunten Treibens der "Kirmessetisch" mit manch Genießbarem, kreist doch ohne Unterlaß die unentbehrliche Buddel und feuert die Lebensgeister immer wieder aufs neue an [Erinnerung an die Pflichtzeche in Schlitz ?].

Jeder Zuschauer, den ich gesprochen, ist des Lobes voll über das Gesehene. Von einem Künstler wird mir versichert, daß das, was die Gesamtwirkung des Gebotenen im Gegensatz zu manchem äußerst kostspieligen und ganz klug ausgetüftelten "historischen Festzug" wesentlich erhöht, das sei, daß hier eine Kultureinheit, ein lückenloses und fleckenloses Gesamtbild vom Leben und Treiben eines kleines Volkes dem Auge dargeboten wird.«

Aus dem Bericht ist weiterhin zu entnehmen, daß man den Aufrufen des Dachverbandes recht zahlreich Folge leistete, denn die Teilnehmer stellten immerhin zwei Festzug-Blöcke, die sich zum einen aus den Vorständen der diversen hessischen Vereinigungen und zum andern aus deren Mitgliedern zusammensetzten. Aber, trotz aller Begeisterung war der Berichterstatter nicht ganz zufrieden:

»Die Beteiligung aus weiterer Ferne könnte zahlreicher sein, besonders der Landjugend. Ihre mitgeführten Schilder weisen nach Gedern, Maar, Kirtorf, Arnshain, Reibertenrod und anderer andere Orte der Kreise Schotten, Alsfeld und Lauterbach. Es wäre auch der Gießener und Wetterauer Jugend eine bleibende Erinnerung, was das gastliche, natürlich schöne und künstlich bunte Schlitzer Land in hochanzuerkennender Weise für die gemeinsame Sache des hessischen Landvolkes aufbietet.«

 

HULDIGUNGS-FESTZÜGE UND TRACHTEN-ERHALTUNG

Man vermutet, daß wesentliche Anregungen zu Hessischen Huldigungs-Trachten- und Heimat-Festen aus München kamen:

»München ist mit der Durchführung der beiden Züge von 1835 und 1842 […] als Zentrum bei der Ausbreitung neuer Festformen anzusehen.

Zumindest für Hessen-Darmstadt, dessen Großherzogin die bayrische Prinzessin Mathilde seit 1833 war, können direkte Einflüsse angenommen werden. 1844 wurde in Darmstadt ein Trachtenzug zur Ehrung des Verfassungsfürsten durchgeführt, […].

Etwa zur gleichen Zeit gab es ein Trachtenfest in Weimar anläßlich der Hochzeit des Großherzogs Carl Alexander, 1842, und 1844 erließ der Meininger Herzog eine Stiftung für junge Paare, die sich in alter Tracht trauen ließen […]. Hier ist ein […] Schritt von der Darstellung zur Erhaltung der Tracht getan.« (G.MÖHLER, ‚Das Münchener Oktoberfest')

Der Umzug von 1835 erinnerte an das 25-jährige Bestehen des Oktoberfestes. Er wurde mit seinen Darstellungen von »Trachten und Brauchtum aus dem Königreich« zu einem »Blatt aus dem überreichen, vieltausend blättrigen Buche des Volks-Lebens« (s.o.) hochstilisiert und diente in erster Linie der Huldigung König Ludwigs I. und seiner Gemahlin anläßlich ihrer Silberhochzeit.

1842 wurden zusammen mit dem Kronprinzen Maximilian und seiner Braut Marie von Preußen 35 Brautpaare aus allen Teilen Bayerns in ihrer Landes-Tracht getraut und in einem Hochzeitszug zur Schau gestellt. Das Königshaus und die Heimatgemeinden hatten mit Zuschüssen zur Mitgift und zur Neuanfertigung überlieferter Hochzeitstrachten finanzielle Unterstützung gewährt:

"Damit wurde die alte Sitte wieder aufgenommen, im regierenden Fürstenhaus Ausstattungen zu stiften, […].« (s.o.)

Der Zeitraum, in dem sich der Übergang von der Trachten-Repräsentation zur -Erhaltung belegbar abzeichnet, beginnt für Hessen-Darmstadt mit der 'Landwirtschaftlichen Ausstellung' in Gießen, 1895, als Großherzogin Melita den Wunsch äußerte, man möge die Gründung des 'Vereins für Erhaltung oberhessischer weiblicher Volkstrachten' einleiten und unter ihrem Protektorat vollziehen. Demnach war auch hier die Darstellung noch vorhandener Trachten Auslöser nachfolgender Erhaltungs- und Erneuerungs-Bewegungen, zumal sich kein Untertan, gleich welchen Standes, den Allerhöchsten Wünschen, bezüglich der Einführung, Pflege und Verbreitung der Trachtenerhaltungs- und Heimatpflege-Festivitäten im Großherzogtum entziehen konnte.

Die verhältnismäßig zahlreiche Beteiligung Hoher und Höchster Herrschaften an den Veranstaltungen, sowie die Übernahme von Schirmherrschaften, dürfte nicht nur mit der von ihnen apostrophierten Erhaltung wertvollen Volks-Kulturgutes zu erklären sein. Sie verbanden diese Anlässe in der Regel mit Familienfeiern, Verwandtenbesuchen und Heerschauen (‚Giessener Anzeiger', 17.&19.10.1895). Neben den bereits erwähnten Ehren-Gästen der Landwirtschaftlichen Ausstellung zu Gießen, 1895, mag hier, der Vollständigkeit halber, eine weitere, allerdings nicht mehr ganz so illustre, Gästeliste, das Interesse des Adels dokumentieren:

Zum Heimatpflege- und Volkstrachtenfest zu Butzbach, 1906 gaben sich, wie von den Bericht erstattenden Journalisten wie üblich an erster Stelle vermerkt, die Ehre:

»Der Großherzog von Hessen-Darmstadt mit Gemahlin, begleitet von Oberststallmeister v. Riedesel (Eisenbach & Lauterbach) und dem persönlichen Adjudanten, Rittmeister v. Massenbach,

der Fürst von Lich mit Gemahlin als Schirmherr,

der Graf von Schlitz, genannt von Görtz mit Tochter,

der Graf von Laubach,

Fräulein von Riedesel. (‚Butzbacher Zeitung',20.06.1906).

Man geht sicherlich nicht fehl in der Annahme, daß Herrschaftliche Volkstums- und Trachtenpflege-Aktivitäten nicht ganz frei von Eitelkeiten der Habenden und Begehrlichkeiten der Haben-Wollenden unter den über ganz Europa verwandten und verschwägerten Herrscher- und Adels-Häusern waren, und, dass der stets latent vorhandene Wille, es den Nachbarn mindestens gleichzutun, einiges an Motivationsschüben bei Hohen und Allerhöchsten Nachahmern bewirkte. In Hessen waren es im wesentlichen Regierungs- und Landräte, denen die Realisierung dieser Wünsche oblag. Für den ideologischen Unter- oder Überbau sorgten dann enthusiastische Heimathistoriker, Pfarrer und später auch Lehrer, die dem Volk zu vermitteln hatten, dass es als Träger seiner eigenen Kultur diese nicht nur zu respektieren, sondern gefälligst auch für die Nachwelt zu erhalten hätte (immer noch : z.B. Hessentage !).

 

REAKTIONEN DER EINFACHEN LEUTE

Den vielfältigen Versuchen, in der Landbevölkerung den Blick für das Außergewöhnliche an ihrer Bekleidung zu schärfen, war kaum Erfolg beschieden. Es war den Leuten nicht zu vermitteln, dass ihre Kleider als Tracht mehr sein sollten als Gegenstände des täglichen Gebrauchs. Die Leute vermochten nicht einzusehen, dass sie ihrem Aussteuer-Vorrat an Kleidung einen Teil als Tracht entziehen und lediglich zu dekorativen Zwecken bereithalten sollten. Nicht einmal in Pfordt, dem 1896 noch bescheinigt wurde, dass es in puncto Trachten-Darstellung im Schlitzer Land allen andern voranging, und das 1922 Schauplatz eines volkskultur-gesättigten Bauernfestes war, oder dem ersten, 1927, von der Stadt Schlitz inszenierten Schlitzer Trachtenfest, gelang es, ein allgemeines Trachten-Bewußtsein zu vermitteln. Damit hieß es warten, bis sich etliche Jahrzehnte später erneut Volkskunde und Folklore, ideologisch durchsetzt und nostalgisch verbrämt, im Lande verbreiteten. Alle noch so gut gemeinten Versuche, seinerzeit Einfachen Leuten bürgerliche Vorstellungen von Kulturwerten zu vermitteln, scheiterten an den Realitäten des Alltags, denn

das durch die Zugabe bestimmte Kleidungs-Volumen nach Landesbrauch sah für festliche Repräsentationen oder Stiftungen von Museumsstücken nichts vor, und,

ihre Einkünfte, zumindest im Schlitzer Land und in den benachbarten Riedeselschen Landen erlaubten kaum den Luxus einer zu diesem Behufe notwendigen Erweiterung der Aussteuern !

Sie nahmen in der Regel zur Kenntnis, dass Fremde allerlei Getue um ihre Kleider veranstalteten (mancher Eitelkeit mag es freilich auch geschmeichelt haben), jedoch, man verfuhr weiterhin nach Gewohnheit. Wenn sich bei der Vor- und Aufbereitung der Kleidung nach Landes-Brauch neben den Bereitstellungen für Gut und Besondere Anlässe die Notwendigkeit weiterer Anschaffungen ergab, erwarben in der Regel ansässige Schneider (Berufs- oder gar sogenannte Trachten-Schneiderinnen gab es seinerzeit noch nicht !) die erforderlichen Materialien aus den gängigen Angeboten des Marktes und fertigten daraus in Anlehnung an zeitgenössische Moden und Textiltechniken die neuen Kleider. Frauen und Mädchen kümmerten sich um Leibwäsche, Strick- und Häkelsachen, Stickereien und sonstiges Beiwerk. Vermutlich fand die Nähmaschine, nachdem ihre Entwicklung in den USA die Fertigung in großen Stückzahlen ermöglichte, schon sehr bald, über Fulda und Schlitz eingeführt, auch in der Schneiderei GRÄB in Pfordt Verwendung. Als SINGER 1865 eine auch für Einfache Leute erschwingliche Haushalts-Nähmaschine herausbrachte, von der innerhalb der folgenden 18 Jahre 4 Millionen Stück auf den Markt gelangten, war ihre Verbreitung sogar bis ins abgelegene Schlitzer Land gesichert.

Die Frauen und Mädchen machten sich diese technische Neuerung, mit der sie viel schneller und präziser als mit der Hand nähen konnten, sehr bald zu eigen, zumal sich gleichzeitig die leichter zu verarbeitenden Kattune durchsetzten. Neben den bisherigen Textiltechniken von Hand begann sich vermehrt auch die Hausschneiderei durchzusetzen. Während die gesamte Männer- und Frauen-Oberbekleidung aus schweren Tuchen nach wie vor von Schneidern angefertigt wurde, ging die Herstellung der übrigen Frauen- und Mädchen-Bekleidung und der Leibwäsche der Männer überwiegend in die Hände von sogenannten Nähfrauen über, die sich im Nebenerwerb, besonders zwischen Heu- und Getreide-Ernte und während der Herbst- und Wintermonate, entweder in der eigenen Nähstube oder im Hause der Auftraggeberinnen auf deren Nähmaschinen ein Zubrot verdienten.

Es gehört zu den Sagen der Folklore, dass von eigener Hand Gesponnenes, Gewebtes und Geschneidertes den ländlichen Bedarf an Textilien deckte. Die ob ihrer Perfektion und Schönheit bewunderten Produkte aus Alter Zeit stellten, sowohl vor, als auch nach der Industrialisierung ausschließlich Weber, Spinner, Schneider oder professionell arbeitende Laien her, denen man außerdem auch die Herstellung der gröberen Waren für den Hausgebrauch überließ.

Mit ererbten oder übernommenen Stücken aus Beständen der Mütter, Großmütter und Patinnen, die vorwiegend aus Gründen der Altersmäßigkeit abgelegt worden waren, verfuhr man nach eigenem Gutdünken. Was sich, auch nach unwesentlichen Änderungen der Passform, nicht direkt weiter verwenden ließ, verwandelte sich in Rohstoff für werktägliche Gute Kleider oder Arbeitskleider: Man trennte auf, reinigte und färbte bei Bedarf auf oder um. Mit Gestricktem oder Gehäkeltem verfuhr man ähnlich : Es wurde ganz oder teilweise aufgezogen und das zurückgewonnene Garn neu verarbeitet. Die verbleibenden Reste dienten als Flickzeug, zur Herstellung von Firwes und als Putzlumpen. Der letzte Rest kam in den Lumpensack. Die Sensibilisierung für Erhaltungs- und Bewahrungs-Tendenzen, sowie die an den Bedeutungswandel Kleider zu Tracht gekoppelte Abkehr von reinem Zweckdenken setzte in den hiesigen Dorfschaften erst relativ spät ein. Es fehlte an motivations-förderlichem Interesse namhafter Maler, wie es beispielsweise der Willingshäuser Kreis für die Schwalm oder FERDINAND JUSTI für das gesamte Marburger Umland waren. Das gleiche galt für Vertreter der wissenschaftlichen Volkskunde, die dem Schlitzer Land, außer daß es dort noch Trachten gab, nichts abzugewinnen vermochten. Rühmliche Ausnahmen waren Stipp-Visiten der Maler RUDOLF KOCH und OTTO UBBELOHDE, die sich am Rande ihrer Abbildungen von Schlitzer Stadtansichten auch mit den Kleider & Tracht tragenden Land-Bewohnern befassten, sowie die Feld-Forschungen von MATHILDE HAIN, die von Hutzdorf aus die Strick- und Stick-Kunst der Mädchen und Frauen des Schlitzer Landes erkundete und beschrieb.

 

FAZIT

In puncto Erinnern und Vergessen entsprach auch dieser Forschungsbereich der bisher erfahrenen Realität. Abgesehen von Informationen, die Gewährsleute erst nach entsprechenden Veröffentlichungen in der Lokal-Presse anboten, bestand die Mündliche Geschichte aus einer ganzen Reihe von Gedächtnis-Lücken. Aufgrund von Hinweisen in den bis dato vorgefundenen Archivalien erwies sich eine Erweiterung der Recherchen auf überregionale Zeitungs- und Museums-Archive als erfolgsversprechend. Mittels dieser wieder entdeckten Materialien ließ sich, zumindest für das Schlitzer Land, der Nachweis für die Umwidmung regional-typischer Kleider in Kleider & Trachten und letztlich in Trachten & Kostüme erbringen.

Aus hiesiger Sicht hatte es ursprünglich nur Kleider im Sinne von normaler Kleidung gegeben. Erst als Außenstehende sie als Trachten definierten, wurden sie ideologisch kopflastig : Indem man den pragmatischen Umgang mit den Kleidern als respektvolles Festhalten an Althergebrachtem deutete, erklärte man sie zu einer wichtigen Säule der Volkskultur. Es dauerte immerhin bis in die 1960er Jahre, dass sich die besonders in der Stadt Schlitz propagierte Definition der Kleider als Trachten auch in den Dorfschaften durchzusetzen vermochte. Vermutlich nahm diese Entwicklung von Pfordt aus ihren Anfang, denn im Zusammenhange mit den geschilderten Fest- und Trachtenerhaltungs-Aktivitäten erwähnte man vor allem dieses Dorf (Innovationen und Mode-Trends nahmen in der Regel in Pfordt ihren Anfang !) :

1844, 1898: Enthüllung der Monumente Ludewigs I. & Ludwigs IV.;

1896: Gründung des Vereins zur Erhaltung weiblicher Volkstrachten:

»Mittelpunkt auf dem Felde der Trachten-Erhaltung«;

1891: Kaiserbesuche : zwei Festwagen aus Pfordt;

1906: Heimatpflege- und Volkstrachtenfest, Butzbach;

1922: Bauerntag in Pfordt.

Über die Rolle der dort ansässigen Schneidermeister GRÄB als Trend-Setter des Schlitzer Landes, die zu allen Zeiten sowohl traditionelle Kleider & Trachten, als auch Kleidung à la mode zu liefern vermochten, wird ausführlich in einem anderen Kapitel zu berichten sein.

Mit dem Verschwinden der Kleider und dem zunehmenden Angebot an Fertig-Kleidung verringerte sich der Bedarf an Haus-Schneiderinnen. Unter den letzten ihres Standes ließen sich zwar einige überreden, ihr inzwischen kaum noch gefragtes Können und Wissen zwecks Bedarfsdeckung in der Folklore-Szene zu reaktivieren. Inzwischen ersetzt man sie durch sogenannte Trachten-Schneiderinnen und -Schneider, die altmodische oder überlieferte Stücke mittels moderner Schnitte mehrfach kopieren und somit nicht nur die Uniformität hiesiger Vereins- und Festivals-Trachten fördern, sondern auch Fakelore produzieren, wie z.B.:

Zum Schlitzerländer Trachtenfest 1991 übertrug der Hessische Rundfunk die Sendung »Wenn die bunten Röcke fliegen« live, während der auch zwei Trachten-Schneiderinnen unter anderem die Herstellung des sogenannten Schlitzerländer Männer-Trachtenhemdes und Schlitzerländer Hessen-Kittels demonstrierten. Bei besagtem Hemd handelte es sich eindeutig um den Typ eines über ganz Europa verbreiteten Unterhemdes aus weiß-blau gestreiftem Baumwoll-Barchent, das im Schlitzer Land erst Mode wurde, als die Kleider & Trachten der Burschen und Männer längst Geschichte waren. Der Verfasser kennt diesen Hemdentyp samt Schnitt u.a. aus Mecklenburg, Schlitzer Land und Vogelsberg ausschliesslich als Unterhemd. Die ersten Warenhäuser, wie z.B. KARSTADT vertrieben es bereits als Fertigware.

Dieser Schlitzerländer Hessen-Kittel entsprach einer Allerwelts-Ausgabe des in Schlitz immer noch so bezeichneten Französischen Fuhrmanns-Kittels im modernen Oberhemden-Schnitt, wie man ihn in jedem Andenkenladen kaufen kann, obwohl es dieser Erfindung gar nicht bedurft hätte. Der seinerzeit bei den GRÄBS in Pfordt angefertigte und von R. KOCH um 1890 detailliert gezeichnete Blaue Kittel ist, wie Schnitt und Zierat beweisen, eindeutig ein Unikat aus dem Kleider-Zeitalter des Schlitzer Landes.

 

KLEIDER? TRACHTEN? KOSTÜME?

Da sich im Schlitzer Lande die Bezeichnung Kleider und deren Umwidmung in Trachten chronologisch nicht mehr eindeutig gegeneinander abgrenzen lassen und mit der Verwendung von Reliktformen als Kostüme diese ebenfalls allgemein als Trachten definiert werden, empfahl es sich, entsprechend Landes-Brauch, Gewohnheiten, Volkskunde oder Folklore die Vokabeln Kleider, Tracht oder Kostüm, sowie die Doppelbegriffe Kleider & Tracht beziehungsweise Tracht & Kostüm zu verwenden:

KLEIDER:

Regional-typische Bekleidung der Einfachen Leute des Schlitzer Landes und des Schlitzer Viertels Hinter der Hainbuche;

KLEIDER & TRACHTEN:

Gleiche Kleidung, in der Regel überlieferten Kleider-Ordnungen entsprechend, die man jedoch nur bei Anlässen, die nicht dem Landes-Brauch samt nachfolgenden Gewohnheiten zuzuordnen waren, als Kostüm benutzte. Die Trägerinnen und Träger kamen in der Regel aus den Dörfern und der Hainbuche. Fehlende Stücke, vor allem bei Männer-Trachten, ergänzte man wegen inzwischen vergessener Kleider-Ordnungen willkürlich aus überlieferten Restbeständen gängiger oder älterer Kleider- & Trachten-Moden (vgl.Abb.3 & 5).

Zeitliche Zuordnung: ca. 1830-1930.

 

TRACHTEN & KOSTÜME:

Ausschließlich für Repräsentationszwecke gedacht, setzte man diese für Trägerinnen überwiegend aus überlieferten Einzelstücken zusammen, die bei Bedarf mittels Kopien ergänzt wurden. Für Träger hatte man fast nur noch Kopien zur Verfügung. Die Benutzer dieser Neo-Trachten, die sich normalerweise à la mode kleideten, waren eine Gruppe von Gleichgesinnten aus allen Schichten der Bevölkerung, die in ihrer Freizeit das Steckenpferd Folklore ritten.

Zeitliche Zuordnung: ca. 1930-1939 bzw. 1949-1960.

In diese Rubrik gehören ebenfalls die uniformen Festival- und Volkstanz-Kostüme, die sich unter Schlitzer Regie vielfach ohne Rücksicht auf regional-typische Entwicklungen zuerst als Schlitzer und sodann allgemein als Schlitzerländer Trachten etablierten.

Zeitliche Zuordnung: nach 1961.