© Schlitzer Bote
Erschienen am Montag, dem 12. November 2007
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Zucht vom Aussterben bedrohter Hühnerrassen im GZV Schlitz & Schlitzerland e.V. Ostfriesische Möwen, Thüringer Barthühner, Sachsenhühner und Sundheimer

SCHLITZ (mck). Vier Züchter des GZV Schlitz & Schlitzerland e. V. setzen sich seit mehreren Jahren für den Erhalt von alten und bedrohten deutschen Nutztierrassen ein. Alice Bliesener, Alexander und Georg Kruppert sowie Karl Hedrich leisten hier wichtige Arbeit zur Erhaltung genetischer Ressourcen.
Alice Bliesener ist Züchterin von Ostfriesischen Möwen, silber-schwarzgeflockt, die es schon seit über 170 Jahren vornehmlich in Ost- und Westfriesland bis nach Westfalen herunter gibt. Um 1900 erfolgte in Ostfriesland die rassemäßige Durchzüchtung. Dort wurden sie vor allem farblich stark verbessert und auf einen etwas schwereren Landhuhntyp (Hahn: 2,25 - 3 kg; Henne: 1,75 - 2,5 kg) umgezüchtet. Die Hennen erreichen im ersten Jahr eine Legeleistung von 170 wohlschmeckenden und weißschaligen Eiern, die mindestens 55 g wiegen.
Ihr Bruttrieb ist gering ausgeprägt. Außerdem sind Ostfriesische Möwen wetterhart und gute Futtersucher, die sich aber auch auf begrenztem Raum gut halten lassen. Vom Bund Deutscher Rassegeflügelzüchter sind die Ostfriesischen Möwen in den Farbenschlägen silber-schwarzgeflockt und gold-schwarzgeflockt anerkannt. Zum Gefährdungsgrad ist zu sagen, dass sie zur Kategorie II (stark gefährdet) der Roten Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen gehören. Demnächst muss Alice Bliesener ihre erfolgreiche Zucht leider aufgeben. Aus diesem Grund suchen sie und der GZV Schlitz & Schlitzerland Interessenten, die die Zucht und damit den Erhalt von Ostfriesischen Möwen weiterverfolgen möchten. Interessenten melden sich bitte direkt bei Alice Bliesener (Tel: 06642-6263) oder Michael Kruppert (Tel: 06642-1564).
Jungzüchter Alexander Kruppert züchtet gelbe Thüringer Barthühner. Bei den Thüringer Barthühnern handelt es sich um mittelgroße Landhühner (Hahn: 2 - 2,5 kg; Henne: 1,5 - 2 kg), mit einem relativ kleinen Kamm und einem vollen Bart. Die Heimat dieser Rasse ist der westliche Teil des Thüringer Waldes, insbesondere die Umgebung um die Stadt Ruhla.
Früher wurden die Thüringer Barthühner auch häufig "Pausbäckchen" genannt. Momentan ist ihr Bestand gefährdet und somit gehören sie laut
GEH (Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Nutztierrassen e.V.) zu den bedrohten deutschen Nutztierrassen. Die Legeleistung der Hennen wird im ersten Jahr mit 160 rein weißen Eiern angegeben.
Thüringer Barthühner gibt es in den Farbenschlägen schwarz, weiß, blau-gesäumt, gesperbert, gold-schwarzgetupft, silber-schwarzgetupft, chamois-weißgetupft, rebhuhnfarbig und gelb. Deutschlandweit gab es im Jahr 2005 nur acht Züchter von diesem Farbenschlag der Thüringer Barthühner. Nach Angaben der GEH gehören sie zur Kategorie "Zur Bestandsbeobachtung".
Sachsenhühner, gelb werden von Georg Kruppert gezüchtet. Sie entstanden ab 1886 aus den Bemühungen des Sächsischen Landesverbandes im Erzgebirge und in Oberbayern, ein für raues Klima geeignetes Leistungshuhn zu erzüchten. Zur Entwicklung der Rasse richtete der Landesverband eigens spezielle Zuchtstationen ein. Auch das moderne Sachsenhun hat die Unempfindlichkeit seiner Vorfahren gegen raues Klima bewahrt. Leichte Aufzucht, frühreife Legehennen und ihr lebhaftes Temperament müssten eigentlich Anziehungspunkte genug sein, die dieser Rasse wieder zur besseren Verbreitung verhelfen sollten. Des Weiteren erreichen Hennen Sachsenhuhn-Hennen eine Legeleistung von 180 hellgelben bis hellbraunen, 55 Gramm schweren Eiern. Mit einem Gewicht von 2,5 - 3 kg beim Hahn und 2 - 2,5 kg bei der Henne gehören sie zu den mittelschweren Hühnerrassen.
Leider gibt es nur elf Züchter von gelben Sachsenhühnern in ganz Deutschland (Stand 2005). In der Roten Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen werden sie in Kategorie III (gefährdet) geführt.
Seit einigen Jahren züchtet Ehrenmitglied und ehemaliger Zuchtwart des Geflügelzuchtvereins Karl Hedrich Sundheimer, weiß-schwarzcolumbia. In Sundheim bei Kehl / Rhein bemühte man sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ein leicht mästbares Fleischhuhn zu züchten. Ab 1920 bevorzugte man jedoch einen etwas leichteren Typ, der auch eine bessere Legeleistung brachte. Durch das Aufkommen ausländischer Leistungsrassen und auch der Hybriden wurden die Sundheimer wie die Sachsenhühner, Thüringer Barthühner und Ostfriesischen Möwen immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Außerdem trug auch der Krieg zum Verschwinden größerer Bestände bei. Die Hähne und Hennen sind Nichtflieger und bringen mit ihren 3 bis 3,5 kg bzw. 2 bis 2,5 kg feines Tafelfleisch auf den Teller. Hervorheben lässt sich auch, dass Sundheimer als gute Winterleger von mindestens 55 Gramm schweren Eiern sehr rentabel sind.
Von der GEH wurden sie in die Kategorie III (gefährdet) der Roten Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen eingeordnet.
Es ist unverständlich warum viele deutsche Rassen in den Bestandszahlen zurückgehen. Jede Woche stirbt auf unserer Erde mindestens eine
Nutztierrasse aus. Zahlreiche Nutztierrassen sind in Deutschland bereits verschwunden und es dürfen einfach nicht noch mehr werden.
Mit jeder verlorenen Rasse geht auch ein wertvolles genetisches Potential verloren, ein unwiederbringlicher Verlust von Kulturgut, eine Verarmung des Landschaftsbildes.
Seit dem Ende des 2. Weltkrieges hat eine starke Veränderung im Bereich der Nutztierhaltung eingesetzt. Der Großteil dieser Tierbestände setzt sich aus einigen wenigen Hochleistungs-Tierrassen zusammen. Eine Vielzahl von alten einheimischen Rassen starb aus oder ist nur noch in kleinen Restbeständen vorhanden. Zum Beispiel gab es allein in Bayern im 19. Jahrhundert ca. 35 Rinderrassen. Heute sind davon nur noch fünf Rassen vorhanden. Wer kennt heutzutage noch das Sachsenhuhn, das Rote Vogelsberger Höhenvieh, das Bunte Bentheimer Schwein oder das Rottaler Pferd? Noch gibt es sie, aber wie lange noch?
Früher waren die Haustiere auf vielfältige Weise im landwirtschaftlichen Betrieb eingebunden. Bei Rindern wurde nicht nur die Milch- und Fleischleistung geschätzt, sie mussten auch Wagen und Pflug ziehen. Mit der Industrialisierung und Mechanisierung der Landwirtschaft setzte eine Spezialisierung ein, die weg von der Mehrnutzungsrasse zur Ein- oder Zweinutzungsrasse führte.
Die alten Rassen sind Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses, über Generationen und Jahrhunderte gezüchtet und prägen ihr Verbreitungsgebiet in vielfältiger Weise. Sie sind damit ein zu schützendes Kulturgut unserer Vorfahren, ähnlich wie Baudenkmäler, Kunstwerke oder ein alter Baum.
Das "andere" Leistungsvermögen der alten bodenständigen Rassen wird häufig unterschätzt oder bleibt sogar unbeachtet. Sie beherbergen noch besonders wertvolle Eigenschaften wie Genügsamkeit, Langlebigkeit, hohe Fruchtbarkeit und Widerstandsfähigkeit gegenüber Krankheiten. Man kann heute nicht abschätzen, welche Werte damit aufgegeben würden. Die moderne Tierzucht ist mit der einseitig ausgerichteten Leistungszucht schon wiederholt in eine Sackgasse geraten.
Jeder kann einen Teil zum Erhalt der bedrohten Nutztierrassen beitragen, denn es fängt beispielsweise schon beim Kauf von Legehühnern an.
Anstelle von Hybrid-Hühnern kann man bei einem Rassezüchter mit Sicherheit auch fleißige Legehühner bekommen. Auch wenn diese vielleicht nicht ganz so leistungsstark sind, sollte man etwas Geduld haben.

Alice Bliesener (rechts) und Tochter mit ostfriesischen Möwen, silber-schwargeflockt.

Sundheimer-Junghähne bei Karl Hedrich.

Thüringer Barthühner, gelb.

Ein wunderschöner gelber Sachsenhuhn-Hahn im Auslauf bei Georg Kruppert.